28.10.2016

Kabelfrei und berührungslos


28. Oktober 2016 | An einer neuen Ladeplatte können E-Autos schnell volltanken

 

Die blaue Platte, um die es bei dieser Weltpremiere am Tor zum Bayerischen Wald gehen soll, ist kaum größer als die Grundfläche eines Umzugskartons. Eines Tages aber könnte sie dazu beitragen, das Straßenbild nicht nur in Deutschland nachhaltig zu verändern. Erstmals haben Forscher an der Technischen Hochschule Deggendorf (THD) gemeinsam mit Entwicklern der Hamburger Intis GmbH eine Schnellladestation für Elektro-Autos entwickelt, die komplett ohne Kabel und Stecker auskommt. Das Auto muss nur noch über der Platte parken und wird dabei ohne Berührung aufgeladen. Der Fahrer muss dafür nicht einmal aussteigen.

"Die Zukunft des Ladens von E-Fahrzeugen ist kabelfrei und berührungslos", sagt Andreas Grzemba, der technische Gesamtleiter des Forschungsprojekts bei der Vorstellung der Schnellladeplatte. Die Betonung liegt bei der Neuentwicklung auf "schnell", denn erste kabellose Ladesysteme wurden bereits im vergangenen Jahr vorgestellt. Mit diesen dauert das vollständige Aufladen eines durchschnittlichen E-Kleinwagens aber noch etwa sechs Stunden. Die blaue Platte des THD-Teams schafft es künftig in einer guten halben Stunde - ein Zeitvorteil, der E-Autos endlich auch für weite Strecken interessant machen könnte.

Auf deutschen Straßen sind E-Autos bislang nämlich noch eher die Ausnahme als die Regel, einer großzügigen Kaufprämie der Bundesregierung zum Trotz. Zu gering sind immer noch die Reichweiten, zu lange dauert es, die Batterie an den Strom-Tankstellen wieder aufzuladen. Wer etwa mit dem Elektrowagen von München nach Berlin fahren möchte, muss bei den meisten Modellen noch eine Übernachtung unterwegs einplanen. Die Schnellladeplatte könnte die Batterie künftig während einer Kaffee- oder Mittagspause an der Raststätte füllen.

 

Für den Straßenverkehr zugelassen ist die Deggendorfer Entwicklung bereits. Bis sie tatsächlich im öffentlichen Raum genutzt wird, soll es nur noch einige Monate dauern. Zwei E-Autos haben die Entwickler schon mit dem nötigen Gegenstück zur Ladeplatte ausgerüstet: Am Boden des Autos ist eine ebenso große Platte montiert. Steht der umgerüstete Wagen direkt über der Ladeplatte, wird die Batterie geladen.

 

Das Laden funktioniert nach dem Prinzip des Induktionskochfelds, bei dem die Leistung über ein magnetisches Wechselfeld in Wärme umgewandelt wird: Das Essen im Topf erwärmt sich sehr schnell, die Kochplatte selbst wird aber nicht heiß. Diese Sicherheit qualifizierte die in Deggendorf entwickelte Platte schließlich auch für den Einsatz auf Straßen und Parkplätzen. Menschen und Tiere können problemlos über die Platte laufen und Autos ohne passende Bodenplatte passiert nichts, wenn sie auf der Schnellladestation stehen. Auch Regen oder Schnee sollen der Ladetechnik nichts anhaben können.

Die ersten E-Autos mit Schnellladeplatte werden dort zum Einsatz kommen, wo diese entwickelt wurde: im Bayerischen Wald. Dort ist E-Mobilität längst mehr als ein Kuriosum. Das Projekt E-Wald hat Ladestationen und ein Carsharing-Modell für E-Autos in die Region gebracht. In vielen der infrastrukturell schlecht erschlossenen Gemeinden stehen Strom-Tankstellen bereit. Außerdem können E-Autos vom Zweisitzer bis zum Transporter stunden- oder tageweise angemietet werden. Damit wollen die Gemeinden zeigen, dass Elektromobilität nicht nur ein Phänomen für Großstädte ist. Auch die achtköpfige Forschungsgruppe der THD, welche die neue Schnellladestation entwickelt hat, gehört dem E-Wald-Projekt an.

Abgeschlossen ist die Forschung für die Wissenschaftler noch lange nicht, THD-Professor Andreas Grzemba denkt schon weiter: "Mit der Einführung des autonomen Fahrzeugs werden Steckersysteme keine Alternative beim Ladevorgang mehr sein." Sprich: Im nächsten Schritt soll das E-Auto lernen, seine Ladestation selbständig anzusteuern.