16. August 2012 | Den Haag

Die niederländische Regierung will den Übertragungsnetzbetreiber Tennet stärker für private Investoren öffnen. Der niederländische Wirtschaftsminister Maxime Verhagen sagte gestern nach einem Treffen mit Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) in Den Haag, Tennet „kann und will mehr Privatkapital akquirieren". Rösler sprach von einem Durchbruch.
Der niederländische Mutterkonzern des deutschen Übertragungsnetzbetreibers Tennet gehört zu 100 Prozent dem niederländischen Staat. In den Netzbereich von Tennet fallen sämtliche Offshore-Windparks in der deutschen Nordsee. Tennet wäre eigentlich verpflichtet, genehmigte Windparks in der Nordsee innerhalb von 30 Monaten an das deutsche Stromnetz anzuschließen.
Dem Netzbetreiber fehlt es jedoch an Kapital, um alle Netzanbindungen zu realisieren. Verhagen warb um Verständnis dafür, dass seine Regierung angesichts der angespannten Haushaltssituation kein Kapital nachschießen könne. Private Geldgeber seien daher eine sinnvolle Alternative.
Nach den Worten Röslers sollten sich die Investoren nicht an dem deutschen Übertragungsnetzbetreiber insgesamt beteiligen, sondern vielmehr bei den nächsten vier oder fünf Netzanschluss-Projekten einsteigen. Ein einzelner Offshore-Netzanschluss kann hohe dreistellige Millionenbeträge verschlingen.
Rösler sagte, es gebe großes Interesse institutioneller Anleger, sich an Stromleitungs-Projekten zu beteiligen. Er sicherte zu, das Bundeskabinett werde bis Ende August die Regeln verabschiedet haben, die die Haftung im Fall von Unterbrechungen oder Verspätungen beim Netzanschluss definieren. Die noch ungeklärten Haftungsfragen galten bislang als Hindernis für die Beteiligung privater Investoren. Mit den Regeln beseitige die Bundesregierung ein großes Investitionshemmnis, sagte Rösler.
Zuletzt waren Munich Re und Allianz als potenzielle Investoren genannt worden. Die Investitionen in Stromnetze sind für institutionelle Anleger sehr interessant. Da die Netze als natürliche Monopole gelten, werden die zulässigen Eigenkapitalrenditen von der Bundesnetzagentur festgelegt. Sie belaufen sich auf 9,05 Prozent. Eingesammelt wird das Geld über die Netzentgelte, die Bestandteil der Stromrechnung aller Verbraucher sind.
Die Probleme bei Tennet bergen poltischen Sprengstoff. Die Offshore-windenergie soll zu einer tragenden Säule der Energieversorgung werden. Offshore-Windparks ohne Netzanbindung wären jedoch Investitionsruinen. Die Bundesregierung ist daher sehr besorgt über die finanziellen Engpässe bei Tennet. Sollte es nun gelingen, private Investoren zu gewinnen, wäre das ein großer Fortschritt. Die bisherigen Bemühungen von Tennet, privates Geld zu mobilisieren, waren nur mäßig erfolgreich. Als einer der Gründe dafür gelten die bislang ungeklärten Haftungsfragen.
Autor/Quelle: Klaus Stratmann/Handelsblatt.com
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